23. März 2015
JobAct-Premiere: Die Orestie

Mit der Premiere der „Orestie“ am 12.03.2015 in der Freizeiteinrichtung Icklack knüpft die 11. Düsseldorfer JobAct®-Produktion zwar thematisch an den trojanischen Krieg und damit an die letztjährige Inszenierung an, setzt aber neue Akzente und beschreitet entsprechend andere Wege der Inszenierung.

(Zur Bildergalerie (Fotos von Roland Artur Berg) bitte auf das Bild klicken.)

Aischylos’ Orestie, die älteste erhaltene Dramen-Trilogie, ist ein Werk, das kaum einen Frevel ausspart: Inzest, Vergewaltigung, Kannibalismus, den heimtückischen Mord des heimkehrenden Gatten und die nicht minder blutige Rache des Sohnes an der eigenen Mutter. Die Kette aus „Irrsaal!Wirrsal!Wahnsinn!“ endet schließlich mit dem Freispruch des Muttermörders Orest durch ein von Athene eingesetztes Gericht aus Bürgern,  ein Novum, das seither als Gründungsmythos die Geburt der Demokratie markiert.

Doch wie lässt sich die archaische Wucht und Kompromisslosigkeit dieses Klassikers, der im Dienste der „Ekplexis“ die Erschütterung unseres Denkens und Fühlens zum Ziele hat, auf eine heutige Bühne transportieren? - Entsprechend heißt es im Nachwort der deutschen Fassung: „Ob wir freilich – geneigt, durch Skepsis uns das Ungeheure vom Leibe zu halten oder es zu beschönigen - groß genug sind, dieses Schauspiel auf der Bühne künstlerisch zu gestalten und es auszuhalten im Zuschauerraum, kann nur die Aufführung erweisen.“

Was die künstlerische Gestaltung anbelangt, so widersteht die Inszenierung unter der Leitung von Tim Stegemann – anders als andere zeitgenössische Annäherungsversuche – dankenswerter Weise der wohlfeilen Versuchung,  den Stoff in Form appetitlicher Kulturhäppchen verdaulicher zu machen oder zu „verheutigen“. Stattdessen setzt sie Kassandras Ruf „Ein Menschenschlachthaus und ein Flur von Blut bespritzt“ konsequent um.  Der sparsam dosierte Einsatz von Bühnentechnik, Sound- und Lichteffekten sowie der allenfalls homöopathische Einsatz von ironischen Brechungen, Anspielungen und Situationskomik  zeigen, dass mitunter weniger in der Tat mehr sein kann.

Auch die spartanische Gestaltung des Bühnenraums – ein langer weißer Steg inmitten der Zuschauerreihen – erweist sich in zweierlei Hinsicht als funktional.  Sie verwehrt dem Publikum, das das Blutbad hautnah miterlebt, nicht nur eine komod-rezeptive Distanz, sondern gestattet es auch, die Zuschauer bei der abschließenden Gerichtsverhandlung durch Aushändigung der Abstimmungssteine in die Pflicht zu nehmen.

Mit der konsequenten Reduktion auf das Wesentliche steht und fällt das Vorhaben mit der Präsenz und Glaubwürdigkeit der jungen Akteure. Aber hier konnten Team und Akteure wieder einmal überzeugen, zumal sie es offenbar verstanden haben,  Besetzungsengpässe durch funktionale Adaptionen zu lösen. So die Doppelrollen,  die Ersetzung des antiken Chors durch ein oberflächlich-versnobtes Pärchen oder die Ersetzung der schwarzen Rachegöttinnen durch  männliche Rachedämonen in blutbesudelten Kitteln, deren permanente Anwesenheit eine unheilschwangere Atmosphäre über die Szenerie legte.

In den Nebenrollen gelingt es, selbst den bei Aischylos doch eher eindimensional angelegten Charakteren des Agamemnon, des Aigisth und der Elektra Leben einzuhauchen. Überzeugend auch die Klage des kriegsmüden Herolds.

In der Titelrolle überzeugt Maximilian Langer als Orest zunächst durch einen „von des Gedankens Blässe angekränkelten“ Hamlet und  im weiteren Verlauf zunehmend intensiver als von den Erinnyen in den Wahnsinn Getriebener.

Vielleicht die beeindruckendste Vorstellung: Carla Böger als eiskalte Opportunistin Klytämnestra, die je nach Zweckmäßigkeit blitzschnell zwischen der lasziv-koketten Gespielin, der liebevollen Frau und Mutter und der Kälte eine Medea zu changieren versteht.

Die Szene, die zumindest für den Verfasser die längste Halbwertzeit hat: Der Zusammenprall von destruktivem Fanatismus auf Seite der Erinnyen und disziplinierter Rationalität in Gestalt Athenes.

Und das bringt uns zurück zu der Frage, ob wir „groß genug sind“ dies als Zuschauer nicht nur auszuhalten, sondern auch willens, unwillkommene Transferleistungen zu erbringen. Vermag doch der versöhnliche Schluss, die Verwandlung der Rachegöttinnen in menschenfreundliche, "wohlmeinende“ Eumeniden,  den zeitgenössischen Betrachter nur schwerlich zu beruhigen.

„ Geht dorthin, wo man tötet, Augen aussticht, wo man metzelt nach der Richterspruch ... wo Verstümmelung und Steinigung obwalten und der Jammerlaut Gepfählter lange wimmert.“

Gerade in Zeiten medialer Omnipräsenz reicht der tägliche Blick in die Nachrichten, um zeitgenössische Bestialität in jedweder Form am Werke zu sehen. Und wo immer wir uns auch heute noch über Gräuel empören, wo immer „gesundes Empfinden“ und vermeintlich moralische Überlegenheit im Recht sich wähnend nach Rache, Vergeltung und Vernichtung schreien, da feiert unser Reptilienhirn nach wie vor fröhlich Urständ. Das Gekreisch der Erinnyen begleitet uns nach wie vor.

Insgesamt also wieder eine überzeugende Leistung aller Aktiven auf der Bühne und hinter den Kulissen.

Entsprechend beeindruckt zeigte sich denn auch der Vertreter des Jobcenters Christian Wiglow , der sich unter Verweis auf Google humorvoll-salopp der Frage „Was will uns der  Dichter damit sagen?“ entledigte und stattdessen auf den mittelbaren Zweck dieses Projekts für die Akteure zu sprechen kam.  Ich denke, dass alle Anwesenden nicht nur sein Lob für die Inszenierung unterschreiben konnten, sondern auch seinen Optimismus teilen, dass für die jungen Darsteller, die an diesem Abend dermaßen viel Mut und Engagement gezeigt haben, die weiteren beruflichen Herausforderungen und die Aufnahme einer Ausbildung keine nennenswerten Hürden mehr darstellen sollten.