Spendenaufruf - JBH - Chance für eine Zukunft

JBH - Chance für eine Zukunft

Jugendberufshilfe - Düsseldorf

09. Mai 2017
JobAct®-Premiere: Faust - Johanna

Premiere von „Faust-Johanna“ am 27.04.2017 in der Freizeiteinrichtung Icklack. Das ambitionierte Ziel der 10. Premiere von JobAct®, das sich die Beteiligten gesteckt hatten, war nichts Geringeres als die Verbindung „skelettierter Versionen“ von Goethes „Faust“ und Schillers „Johanna von Orleans“ mittels eines theatralen Reißverschlussverfahrens in Form von Tanzperformance und Sprachchoreographie.

(Zur Galerie: Bitte auf das Bild klicken. -  Alle Bilder: Melanie Stegemann)

Wo bleibt die Euphorie?

15 Jahre JobAct® und die 10. Premiere in Düsseldorf. Anlass genug für Sandra Schürmann, die Begründerin der Projektfabrik, auf die Anfänge ihrer theaterpädagogischen Projektidee zurückzublicken. Die für sie entscheidende Frage war, was „Menschen in Bewegung setzt“, ihre Antwort: Emotionalität. Und hier bot sich für sie das Theater als ideales Medium an, Emotionen freizusetzen und junge Menschen zu motivieren. – Motivation ist aber nur eine Facette des theaterpädagogischen Ansatzes. Gerade in einer beschleunigten Welt mit einer unabsehbaren Zukunft dürfte sich der nach wie vor verbreitete schulische Ansatz, dass Menschen von gestern mit kopflastigen Methoden von vorgestern Schüler von heute auf die Zukunft vorbereiten, zunehmend fragwürdig erweisen. Insofern versteht sich Theaterarbeit auch als Vehikel zur Entwicklung von Persönlichkeiten, die auch zukünftigen Herausforderungen selbstbewusst begegnen können.

In die gleiche Richtung ging auch das Grußwort von Ingo Zielonkowsky, dem  Geschäftsführer des Jobcenters Düsseldorf, der unter saloppen Rekursen auf Goethe den jungen Akteuren dazu gratulierte, eben nicht „ach! Philosophie und Juristerei“ studiert zu haben, sondern sich über die gemeinsame Arbeit an dem Theaterprojekt mit Kreativität, Engagement und Teamfähigkeit eben die Kernkompetenzen erarbeitet zu haben, die gerade auf dem Arbeitsmarkt nachgefragt werden.

Und angesichts der Performance der jungen Akteure besteht guter Grund zur Annahme, dass es den Teilnehmenden wie in den Vorjahren gelingen wird, auch den entscheidenden Schritt in eine berufliche Zukunft zu tun.

Vorhang auf:

Zwei Chöre skandieren abwechselnd Passagen aus den Briefwechseln Goethes und Schillers. - Dann fliegen die gepuderten Perücken fort und die Ereignisse nehmen ihren bekannten Lauf ...

Schlagen bei Faust zunächst noch „zwei Seelen in seiner Brust“ so reduziert der diabolische Pakt den grüblerischen Metaphysiker schnell auf einen egomanen Hedonisten, der von Begierde zu Begierde taumelnd Gretchen als moralischen Kollateralschaden zurücklässt.

Auch Johanna ist letztlich eine ambivalente Figur: Von Schiller im Dienste eines anti-feudalen Nationalgedankens zur charismatischen Idealistin verklärt, aus heutiger Sicht vielleicht doch eher ein schlichtes Gemüt, das sich – „Gehorsam ist des Weibes Pflicht auf Erden“ – konventionell-patriarchalischen Strukturen unterwerfend zur religiös motivierten Fanatikerin mutiert, die buchstäblich über Leichen geht. Auch dass sie letztlich ihre Liebe über die Pflicht stellt,  und damit gemäß einer theatertheoretischen Mechanik, die  ein tragischen Endes unabdingbar macht, den Tod finden muss, dürfte beim zeitgenössischen Publikum eher für Befremden denn für Genugtuung sorgen. Die einzig humane Regung als Ursache tödlichen Scheiterns?

Inszeniert als Parforceritt durch die seelischen Abgründe auf zwei Bühnen, mit einem Mephisto-Duo und einer dominant-lasziven Mephista

sowie Doppel- und Tripelbesetzungen als  Jungfrau/Hexe oder Maria/Gretchen/Johanna, die die Brüchigkeit der Condition humaine sinnfällig vor Augen führten.

Daneben sorgten Tanzperformances, sportive Einlagen und  musikalische Untermalung für den entsprechenden Drive  eines Balanceakts zwischen Tragik und überbordender Ausgelassenheit.

Sicherlich eine sehr innovative Herangehensweise, die aber nochmals höhere Ansprüche an das Publikum stellt, räumte doch bereits Goethe hinsichtlich der Komplexität seines „Faust“ ein: „Wenn es nur so ist, daß die Menge der Zuschauer Freude an der Erscheinung hat; dem Eingeweihten wird zugleich der höhere Sinn nicht entgehen".

Was jedenfalls auch für die weniger Eingeweihten bleibt: Wieder einmal Bilder mit einer hohen emotionalen Halbwertzeit. Sehr angemessen beispielsweise die Visualisierung der theatralen Konzeption durch die Projektion einer Petri-Schale, in der sich zwei Lösungen miteinander vermischen und an der Gretchen schließlich blutige Bilanz zieht.

Die gelungene dramaturgische Umsetzung und Intensität der Darstellung: Sei es Fausts Bühnenpräsenz als triebgesteuerter Intellektueller, Gretchens Kindesmord oder Johanna, die in einen motorisch-repetitiven Stumpfsinn verfällt. Anrührend auch die chronologisch versetzte Interpretation Gretchens „Meine Ruh ist hin, Mein Herz ist schwer ...“ 

Aber JobAct® wäre nicht JobAct®, würde das Tragische nicht immer wieder durch Slapstick und humorvolle Brechungen konterkariert. Witzig etwa das Interview mit Faust und Mephista, bei dem der Teufel im technischen Detail steckt.

Und wie so häufig überzeugt die Dramaturgie auch hier gerade durch Minimalismus. So Johannas und Lionels Pas de deux mit goldenen Colts.

Oder die vielleicht originellste Szene, die das Verhältnis von Faust und Gretchen auf den Punkt bringt: Beischlaf als Hörspiel mit Zigarette danach.

Für die sechs Akteure – wie für die Regie – sicherlich ein hochriskanter, aber letztlich beeindruckend gelungener Kraftakt, der vom Publikum spontan mit Standing Ovations honoriert wurde.