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JBH - Chance für eine Zukunft

Jugendberufshilfe - Düsseldorf

14. Mai 2018
Alle gegen Alle

Mit "Alle gegen alle"  brachte die Projektfabrik am 18.04.2018 die 11. Düsseldorfer JobAct®-Premiere auf die Bühne.

Grundintention dieses Projekts, das durch das Jobcenter finanziert wird, ist nach wie vor über die gemeinsame Theaterarbeit eine Vielzahl an Kompetenzen zu entwickeln, die dem angestrebten Übergang in Ausbildung und Erwerbstätigkeit zugute kommen.

Oder mit den Worten des Regisseurs Tim Stegemann: „ ... man muss junge Menschen erst einmal überreden, ins gemeinsame Boot zu steigen um eine Reise zu machen, 
dann fördern was sie mitbringen und gleichzeitig von ihnen fordern, an Dingen zu arbeiten, die sie noch nicht können und sie somit zu höheren, fast unerreichbaren Taten, zu bewegen, damit sie letztendlich über sich hinauswachsen! "

Dass dies gelingen kann, haben die Produktionen der letzten Jahre, die überwiegend die Klassiker von Homer bis Goethe entstaubten, auf beeindruckende Weise bewiesen.

Doch nicht für jede neue Gruppe mag sich das Prokrustesbett klassischer Inhalte und Rollen als funktional erweisen. Vielleicht auch ein Grund, mit "Alle gegen alle" als theatralischer Collage neue Wege zu beschreiten.

(Zur Galerie: Bitte auf das Bild klicken. - Alle Fotos: Melanie Stegemann)

Die Akteure machen dann auch von der ersten Minute an mit der Ankündigung eines "zornigen Abends" ernst und wüten gleichermaßen gegen Konsum- und Sozialverhalten, die Verlogenheit der Altvorderen oder die globale Verteilungsungerechtigkeit. Und natürlich wird auch das Bildungsbürgertum vom Shitstorm nicht ausgenommen. Handkes "Publikumsbeschimpfung" lässt grüßen.

Die Zwischenbilanz des "Abgesangs auf den Menschen als soziales Wesen"  fällt entsprechend deprimierend aus. Der Mensch ist dem Menschen eben nicht nur im Naturzustande Wolf: Es herrscht an allen Fronten "bellum omnium contra omnes".

Aber letztlich wird die Inszenierung ihrem Anspruch als "brüllend" komischer Tragödie dann doch gerecht. So konterkarieren zum einen die absurden Slapstickeinlagen der beiden tumben Handwerker mitsamt ihrer Leiter immer wieder die mitunter derben Ausfälle der anderen Akteure.

Zum anderen besticht das Ensemble gerade auch mit musikalisch-besinnlichen Passagen, wie etwa dem "Lied der Moorsoldaten".

Schließlich positionieren sich die Darsteller auch zu aktuellen humanen und politischen Problemen wie dem Schicksal der Flüchtlinge, die den gefahrvollen Weg über das Mittelmeer nehmen, oder zu "dumm-dreisten" Einlassungen der AfD.

Und wenn sich der geneigte Zuschauer angesichts der mitunter drastischen Sprache und Zerstörungswut in Tateinheit mit einem Parforceritt durch Theaterliteratur und -theorie in expliziter Anlehnung an Valentin, Handke und Neumann möglicherweise fragt, ob es derart starker und plakativer Effekte bedarf oder sich gar erste Vorbehalte gegen eine metatheatrale  Überfrachtung regen, so nimmt ihm eine Akteurin - passenderweise in Zwangsjacke - auch schon den Wind aus den Segeln: "Alles was gesagt werden kann, wird hier gebrüllt ... Das hat sich alles dieser Professor Stegemann ausgedacht ...".

Angesichts des angerissenen Problemhorizontes mag man auch die Antwort Casdorfs auf die Frage, warum er seine Spieler so viel brüllen lasse, bemühen: "Wenn es irgendwo brennt, dann kann man doch nicht 'Feuer' säuseln – da schreit man doch!"

Letztlich ist die Inszenierung ja auch "nur" ein Vehikel für die Realisierung des pädagogischen Ziels, die Teilnehmenden auch durch "Überwindung, Widerwillen und Zweifel"  über sich hinauswachsen zu lassen. Und dies scheint auch dieses Mal wieder durchweg gelungen zu sein.

Auch wenn die Diagnose über weite Passagen "alle gegen alle" lautete, so bekräftigte Tim Stegemann für die Akteure abschließend die Worte des Vorsitzenden der Geschäftsführung des Jobcenter Düsseldorf Ingo Zielonkowsky, der sich in seiner Einleitungsansprache quasi als Therapie "alle für alle" gewünscht hatte.